Geschichte der Burg Wersau

Mit der Burg Wersau fing alles an

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Zur Entstehung Wersaus sind keine uns bekannten Quellen vorhanden, die eine eindeutige Datierung oder auch Zweckbestimmung dieser Anlage zulassen. Deswegen übernehmen wir größtenteils die geschichtswissenschaftlich geprägte Auffassung, die uns aufgrund der bekannten Quellenlage als wahrscheinlich erscheint.

Bereits vor der Zeitenwende wurde unsere Region von römischen Legionen erobert, aber erst während der Regierungszeit von Kaiser Tiberius (14 – 37 n. Chr.) siedelten die Römer verbündete Germanen vom Stamm der Neckarsueben im Gebiet östlich der Neckarmündung an, um eine Pufferzone zwischen dem Rhein, der Außengrenze des Römischen Reiches, und Germanien zu schaffen. Unter Kaiser Vespasian (69 – 79) schoben die Römer ihre Grenze in das rechtsrheinische Gebiet vor, das römische Weltreich etablierte sich und demonstrierte militärische Präsenz.

Die Römer versuchten, sich in allen Regionen vor Ein- und Überfällen zu schützen. Dabei entwickelten die Römer eine Befestigungskunst, die von anderen Völkern der damaligen Zeit unerreicht blieb. Zu diesem Verteidigungssystem zählten auch die ehemaligen Festungen Ladenburg, St. Leon, Kißlau, Weiher (bei Bruchsal), Altenbürg, Karlsdorf, Staffort, Hagsfeld und Kleinrüppur. Alle Anlagen waren durch Straßen miteinander verbunden.

Die Geschichtsforscher gehen davon aus, dass auch Wersau ursprünglich eine kleine befestigte Anlage, ein sogenannter Burgus, gewesen sein soll. Burgus ist eine von den Römern entlehnte germanische Bezeichnung für turmartige kleinere Kastelle am spätrömischen Limes.

Der Historiker F. J. Mone beschreibt 1845 in seiner „Urgeschichte des Badischen Landes“ die Burg Wersau wie folgt: „Demnach könnte Wersau als römisches Bollwerk, nämlich als Tiefburg mit Mauer, Wassergraben und Brücke entstanden sein. Diese relativ kleine Befestigung wäre auf der Ostseite vom Kaltbach, auf der Süd- und Westseite vom Kraichbach umflossen und nur vom nördlichen Teil her über eine Brücke zu erreichen.“

Nachweisbar ist, dass die von Osten kommende römischen Heer- und Handelsstraße von Bad Wimpfen nach Speyer, Wersau direkt tangieren. Ein weiteres Indiz für eine römische Befestigung ist, dass Wersau im Bereich des Schnittpunkts der Bruhrainstraße und der Römerstraße von Walldorf – Wiesloch – Horrenberg – Waibstadt – Neckarelz – Neckarburgen lag und die Römer sehr oft befestigte Niederlassungen zum Schutz von Straßen und Straßenkreuzungen anlegten.

Das noch bis 1786 bestehende Mühlwehr wies einen Quadersteinbau mit den Seitenmaßen (pro Quader) von 48 auf 32 Schuh auf. Das Wehr hat wahrscheinlich auch eine Bedeutung im Grabensystem der ehemaligen Tiefburg. Diese Annahmen können allerdings nur durch intensive Grabungen bestätigt oder widerlegt werden, da bis heute nur unbedeutende Bodenfunde aus römischer Zeit dokumentiert sind. Festzuhalten bleibt, dass eine exakte, auf wissenschaftlich nachprüfbaren Fakten beruhende Arbeit, für die Entstehungszeit oder früheste Verwendungszwecke Wersaus bis heute aussteht.

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Wersau im Mittelalter

Die Gemarkung Reilingen liegt im Grenzgebiet der beiden alten Königsforste Lußhardt und Schwetzinger Hardt. Die Lußhardt, also die Wälder, die sich bis zum fränkischen Königshof in Bruchsal erstreckten, war bereits 1056 durch König Heinrich III. dem Bistum Speyer geschenkt worden. Nur sieben Jahre später erweiterte Heinrich IV. den bischöflichen Waldbesitz um die heutige Schwetzinger Hardt.

Aus alten Dokumenten weiß man, dass bereits die Könige an der Kraichbach eine Burg besaßen, die „Walsrhawe“ genannt wurde.

Die gut befestigte Burganlage hatte damals die Aufgabe, die umliegenden Wälder und die Verkehrswege zu sichern. Zum Herrschaftsbereich gehörten die Dörfer Reilingen und Hockenheim sowie für kurze Zeit auch Oftersheim und St. Leon. Da es an genauen Unterlagen aus dieser Zeit fehlt, gehen die Historiker heute davon aus, dass die Dörfer und die Burg mit der Schenkung der Wälder an die Speyerer Bischöfe kamen. Das Bistum setzte zur Verwaltung ein Ministerialengeschlecht ein, die Schenken von Wersau. Als Erster von ihnen wurde bereits um 1155 ein Dietrich als Schenk des Hochstifts – noch ohne den Bezug zu Wersau – genannt.

Erste Erwähnung von Wersau 1236

imgc506Wersau selbst wird erst 1236 durch die Erwähnung der Schenken von Wersau genannt. Diese Schenken lassen sich noch weiter zurückverfolgen. Ihre Namen, die auch später üblich sind, nämlich Dietrich (Diederich) und Eberhard, lassen sich 1198, 1201 und 1203 bei den Schenken von Hockenheim nachweisen. Die vielleicht ersten Siedler, die „Reutlinger“, sind wahrscheinlich Hörige dieser Burgherren, welche anfangs nur geringe Rodungsflächen gegen einen Zins bewirtschaften.

Von 1236 an werden die Schenken in den Urkunden immer unter dem Namen ihrer Burg genannt und gelten als Speyerer Dienstleute. Im Dunkel der Geschichte wechselte der Besitz an Burg Wersau an die Schenken, denn 1286 ist zu lesen, dass Eberhard von Wersau die Hälfte seiner Burg an den Bischof von Speyer wieder verkaufte. Da dieser das Geld nicht zur Verfügung hatte, gab er seinen Erwerb als Pfand an den Pfalzgrafen Ludwig II. weiter, der bereits die andere Burghälfte von Markward von Krobsberg und den Brüdern von Erligheim (alles Verwandte der Wersauer Schenken) gekauft hatte. Als Zubehör zur Burganlage wurden auch die Dörfer Reilingen und Hockenheim genannt.

Entsprechend den uns bekannten Quellen geht die Hälfte des Schlosses samt der Hälfte der Dörfer Reilingen und Hockenheim in den Besitz des Pfalzgrafen Markward von Krobsberg und der Brüder Albert, Heinrich und Berthold von Erligheim (bei Besigheim/Württemberg) über. Diese Hälfte bringt später Pfalzgraf Ludwig II. durch Kauf an sich. Genaue Datierungen für diese Vorgänge stehen aus.

Die andere Hälfte der Burg und der Dörfer verkaufen der Schenk Eberhard II. von Wersau und sein Schwiegervater Heinrich von Hirschberg für 600 Pfd. an den Bischof Friedrich von Speyer (1271-1302). Da letzterer infolge von enormen Zahlungsverpflichtungen die Kaufsumme nicht begleichen kann, verkauft er die Hälfte der Burg Wersau mit der Hälfte der Dörfer „Hockinhaim und Reitling“ mit allen Rechten, wie er sie erworben hat, am 2. März 1286 an den Pfalzgrafen Ludwig. Der Bischof belehnt diesen obendrein mit der anderen Hälfte, die der Pfalzgraf bereits gekauft hat.
Damit bekommt die Pfalz ganz Wersau mit Zubehör, also auch die Dörfer Reilingen und Hockenheim in ihre Gewalt. Gleichzeitig weist diese Urkunde die bis heute erste bekannte Erwähnung von Reilingen auf!

Obwohl sie als Lehen des Bistums Speyer galt, diente die Herrschaft Wersau den Pfalzgrafen immer wieder als Pfandobjekt und wurde zur Verschreibung als Witwengut genutzt.
Die Pfandnehmer wechselten meist sehr rasch und aus einem Wittumsbrief (Witwenbrief) ist 1386 zu lesen, dass die Schwetzinger Hardt von der Herrschaft Wersau abgetrennt wurde. Unter anderem gehörte der Besitz auch Königin Elisabeth, der Gemahlin Rupprechts III., als Witwengut (eine Art Alters- und Lebensversicherung zur damaligen Zeit).

Wersau mit Zubehör geht am 1. Oktober 1411 an Pfalzgraf Otto I. (1410-1461), den Begründer der Mosbacher Linie der Wittelsbacher über. Otto überschrieb Wersau 1429 seiner Gemahlin Johanna von Bayern. Belegbar ist, dass Otto am 15. Juni 1439 von dem ebenfalls in Heidelberg weilenden Bischof Reinhard mit Wersau belehnt wird. Die Schuldenlast zwingt Otto zur allmählichen Veräußerung seines Streubesitzes. 1448 werden die Burg und die Dörfer an Stephan von Pfalz-Simmern-Zweibrücken verpfändet.

Wechsel der Schreibweise von Welrisowe (1236) bis Werßauw (1514)

Die uns bekannten frühesten schriftlichen Quellen zur Burg Wersau reichen bis ins 13. Jahrhundert. Die urkundliche Schreibweise wechselt oft, bis daraus Wersau entsteht:

Welrisowe (1236) – Welr(e)sowe (1238 u. 1253, 1257, 1273)
Welresawa (1238, 1284) – Walreshawe (1273) – Walrshow (1286)
Wel(e)rsaw (1313, 1341) – Wersauw(e) (1359, 1410, 1418, 1458, 1476, 1479) Werresauwe (1420) – Werßheim – Wersaw(e) (1504) – Werßauw (1514)

Welresaue wird gedeutet als Au des Walheri. Walheri ist ein althochdeutscher Personenname. Inzwischen gibt es aber auch Deutungsansätze, die von einer feuchten, moorigen Niederung, einer Auenlandschaft ausgehen (werse Au, d.h. schlechtere Au). Ein weiteres Indiz wäre in diesem Zusammenhang auch die in Dokumenten beschriebene Anlage der Wersau als Wasserburg.

Wie Wersau und Reilingen zur Kurpfalz kamen

imgb841Am 09. August 1462 kam die Burg mit all ihrem Besitz als Siegesbeute nach der „Pfälzer Fehde“ an die Linie Pfalz-Mosbach der Wittelsbacher. Friedrich, der spätere Kurfürst Friedrich I., der „Pfälzer Fritz“, setzte sich nach dem Ableben seines Bruders, des Kurfürsten Ludwig IV., eigenmächtig den Kurhut aufs Haupt. Dies tat er mit der Zustimmung der Mutter des noch unmündigen Thronfolgers, des Prinzen Philipp, und der meisten deutschen Reichsfürsten. Seinen Neffen nahm er an Kindesstatt an und verzichtete zu seinen Gunsten auf eine standesgemäße Heirat.

Der Kaiser erkannte diese Regelung nicht an und belehnte Friedrich nicht, wie üblich, mit einem Reichslehen. Zum offenen Konflikt kam es bei der Neubesetzung des Mainzer Bischofsstuhles. Friedrich hielt zu dem vom Papst entthronten Erzbischof Diether, wodurch er sich die Reichsacht und den päpstlichen Bannstrahl zuzog.

Der Bischof von Speyer, der Bischof von Metz, dessen Bruder, Markgraf Karl I. von Baden und Graf Ulrich von Württemberg, die alle Friedrich nicht wohlgesinnt waren, übernahmen mit Eifer die Reichsexekution gegen den geächteten Pfälzer. Sie fielen am 26. Juni 1462 von ihren Lagern zwischen Rot und St. Leon aus in das Land ein und richteten in wenigen Tagen eine furchtbare Verwüstung an. Die meisten Dörfer in der Kurpfalz gingen in Flammen auf, Hockenheim und Reilingen als bischöflich-speyerische Orte blieben verschont.

Pfalzgraf Friedrich errang in der Schlacht bei Seckenheim einen entscheidenden Sieg. Er konnte ihn krönen durch die Gefangennahme aller seiner Gegner mit Ausnahme des Bischofs von Speyer, der nicht auf dem Schlachtfeld erschienen war.

Friedrich hielt seine hohen Gefangenen lange Wochen in strengstem Gewahrsam. Erst nach Zahlung angemessener Lösegelder, die Friedrich für den Wiederaufbau seines Landes verwendete, erhielten alle Gefangenen ihre Freiheit wieder.

In dem am 09. August 1462 abgeschlossenen Friedensvertrag („Rachtung“) mussten neben anderen Sühneleistungen Wersau und Reilingen an die Kurpfalz abgetreten werden.

Wersau und die Begründung der Universität Heidelberg

Am 24. Juni 1386 weilte Pfalzgraf Ruprecht I. in Wersau. Dieses Datum ist für die deutsche Kultur- und Geistesgeschichte sehr bedeutsam. An diesem Tag trifft auf Wersau die Bulle des Papstes Urban VI. ein, worin dieser die Errichtung eines Generalstudiums in Heidelberg genehmigt. Pfalzgraf Ruprecht I. begründet darauf hin am 1. Oktober 1386 die Universität Ruperto Carola Heidelberg. Von Prag abgesehen, gegründet 1348 von Karl IV., ist Heidelberg die früheste deutsche Universität.

Wersau als kurpfälzische Kellerei

Die Kurpfälzische Rechenkammer hat wie damals üblich, aus den vorhandenen Schlossgebäuden eine förmliche Meierei (Fronhof) errichtet, der ein besonderer kurpfälzischer Keller („Rentamtmann“) vorsteht. Seine Aufgabe besteht in der Überwachung der herrschaftlichen Güter und Fruchtkasten, in welchen die grundherrlichen Gefälle, die an Grund und Boden haftenden Lasten, die von dem verpflichteten Grundbesitzer an den Grundherrn in Naturalien oder Geld als Zehnten abzutragen sind, aus Stadt und Amt gesammelt werden, und jährlich ist, wie wir berichtet haben, die „Amtsjahr- oder Kellereirechnung“ zu erstellen.

Von 1535 bis 1721 ist der Wersauer Hof ein sogenanntes Tafelgut und muss deshalb die Erzeugnisse seiner Meierei zur Hofhaltung nach Heidelberg liefern. Mit der Urkunde vom 15. Dezember 1495 haben wir den Beweis, dass diese Kellerei noch im ausgehenden 15. Jahrhundert eingerichtet worden ist. In ihr wird im Zusammenhang mit der Bestellung des Schultheißen Peter Stark von Kirrlach zum kurpfälzischen Hausarzt gleichzeitig seine Bezahlung festgelegt. So soll ihm für seine Dienstleistungen jedes Jahr am Michaelistag von der Kellerei „Wersaw“ 15 Malter Korn „ausgerichtet“ und bezahlt werden.

Aus der Rechnungslegung des Jahres 1509 erfahren wir, dass der Sold der kurpfälzischen Schloss- und Burghüter exakt geregelt ist: Der „Torwart“ der Burg Wersau erhält im selben Jahr 4 ½ Schilling = 25 Gulden. Da in dieser Urkunde zweifelsfrei von der Burg gesprochen wird, ist die Burg zu diesem Zeitpunkt wohl noch erhalten.

Nachweisbar ist, dass Reilingen und Hockenheim im späten Mittelalter die Kellerei oder das Amt, welches grundlegend seit der Entwicklung in den Territorien im 13. Jh. ist, Wersau bilden. Dieses Amt erwirbt Kurpfalz vom Hochstift Speyer.

Teil 4: Niedergang der Burg Wersau

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Zur Erinnerung: Die Burg Wersau lag auf dem Gelände der heute noch bestehenden „Schlossmühle“ auf der Insel zwischen Kraichbach und seinem Nebenarm, dem Kaltbach.

Wersau war zu seiner Blütezeit eine stattliche Burg mit Ringmauer, einem Palas, zwei großen Türmen und zahlreichen weiteren Gebäuden. Mit Vorburg, Mühle, Kapelle und Schafhof gehörten so 24 oder mehr Gebäude zu dieser Anlage. Die gesamte Burganlage war von Wassergräben umgeben. Diese Burg dürfte nicht mehr die anfängliche Anlage darstellen. Anzunehmen ist, dass mehrere Bauten z.T. auf uralten Fundamenten wiedererrichtet werden.

Bis zum endgültigen Übergang an Kurpfalz im Jahr 1462 wurde die Burg in verteidigungsmäßigem Zustand gehalten. Kurfürst Friedrich I. ließ in der Fehde gegen Speyer die Burg befestigen und besetzen. Die Historiker nehmen an, dass die Burg nach dem Übergang an Kurpfalz, zumindest was die Verteidigungsanlagen betrifft, allmählich zerfällt. Auch bei der Mainzer Stiftsfehde 1462 könnte die Burg Wersau beschädigt worden sein. Indiz ist, dass nach 1448 die urkundlich erfassbaren Aufenthalte von hochrangigen Personen schlagartig aufhören.
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wird eine Schlosskapelle erwähnt, da der 1498 neu ernannte Reilinger Pfarrer einmal wöchentlich die Messe im Schloss lesen soll.

Im 16. Jahrhundert verfällt das Wersauer Schloss. Dafür sind die Auswirkungen des Landshuter Erbfolgekriegs (1503/04) und die bald darauf folgenden Bauernunruhen verantwortlich.

In der Schlacht vom 27. April 1622 bei Wiesloch, wo Markgraf Friedrich von Baden vereint mit Graf Ernst von Mansfeld Tilly noch besiegen konnte, wurde „sowohl der inwendige Teil vor Schloss Wersau gar als auch der Vorhof zumal zu Aschen gelegt“. Das verbrannte Wersauer Schloss wird im Jahre 1629 dem Erzbischof Philipp von Trier, Bischof zu Speyer, überlassen.

Der Bericht des Kellers Ezechias Meiß vom 1. November 1649 gibt einen guten Überblick über den Zustand der Anlage nach dem Dreißigjährigen Krieg. Danach ist das Schloss ganz verbrannt und neben „verbrochenen Mauern“ nur noch der Brunnen im Hofe und das Kellergewölbe erhalten. Der Hof- und Jägermeisterbau im Vorhof sei total abgebrannt und die ein Stockwerk hohe Mauer noch gut erhalten. Auch in gutem Zustand, abgesehen von der Dachdeckung auf der Außenseite, ist der Marstall mit zwei Speichern im Obergeschoss. Ziemlich gut erhalten sei auch das „Pfortenhaus oder Turm“. Der „Hinterturm“ werde aber bald einfallen und eine Scheuer gefährden; besser wäre es, man würde ihn abbrechen und die Ziegel zum Ausbessern der anderen Gebäude verwenden. Ebenfalls in gutem Zustand sei noch die Heuscheuer mit vier Ställen darunter, und die Mühle. Reparaturbedürftig sei die gewölbte Brücke am Zollturm.
Somit muss der sehr stattliche Burgkomplex Wersau damals aus mindestens 24 Gebäude bestanden haben.

Die Ruine wurde nochmals notdürftig instand gesetzt und diente über längere Zeit hinweg den Kurfürsten als Jagdschloss. Vor allem im Herbst herrschte auf und um Wersau ein buntes Treiben, denn die kurfürstlichen Hirschjagden galten als gesellschaftliches Ereignis. Während die männlichen Einwohner Reilingens und Hockenheims als Treiber zum Dienst verpflichtet waren, mussten die Frauen der Dörfer bis zu 600 Mahlzeiten für die Jagdgesellschaften herrichten.

Ein Plan aus dem 17. Jahrhundert zeigt eine von einer Mauer mit nach außen gerichteten Strebepfeilern im Oval umzogene Innenburg mit innerem quadratischem Turm. Die Vorburg beherbergt die Gebäude zwischen zwei Armen der Kraich; sie ist wiederum in zwei Teile getrennt.
Das Schlossgut umfasste 1686 eine bebaubare Fläche von 154 Morgen Ackerland und 30 Morgen Wiesen in der Ketschau.

Im pfälzisch-orleanischen Erbfolgekrieg wurde das Schloss 1689 zerstört. Auch die inzwischen beim Schloss eingerichtete Mühle brannte bis auf die Grundmauern ab. Die Gebäudereste ließ man verfallen und 1764 erhielt Reilingen einen Teil des Gemäuers als Steinbruch zurück. Aus diesen Steinen wurde u.a. eine Friedhofsmauer gebaut, diese aber auch zum Teil für den Bau der ersten steinernen Kraichbachbrücke durch den kurfürstlichen Baumeister Rabaliatti in Hockenheim.

Von der ganzen Burg- und Schlossanlage ist heute fast nichts mehr zu sehen. Lediglich ein Gewölbekeller und ein alter Tiefbrunnen erinnern an die Burg. Besonders spannend ist es aber, einmal mit einem Flugzeug über die ehemalige Burg Wersau zu fliegen. Je nach Stand der Sonne kann man den früheren Verlauf der Burganlage erahnen, was auch Fotos der Luftbildarchäologie bestätigen.

Teil 5: Wersauer Hof, Ehemalige Burg Wersau / Schloßmühle, Heutige Funde und Befunde

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Bereits im 17. Jahrhundert gab es einen Schafhof für die Burg. Aus einer Karte von 1695 lässt sich entnehmen, dass der Schafhof mit dem heutigen Wersauer Hof identisch ist, also nicht erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts errichtet wurde. Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges 1649 bestand er aus einem zerfallenen Wohnhaus, einer großen Schafscheune, einer Dresch- und einer Hammelscheuer und weiteren zerstörten Gebäuden.
Der Wersauer Hof stand zunächst unter kurpfälzischer Verwaltung. Später wurde er von Schwetzingen aus verwaltet und lediglich ein herrschaftlicher Wiesenknecht war noch in Reilingen eingesetzt. Nach der Auflösung des Herrschaftsbesitzes war der Wersauer Hof zunächst in bäuerlichem Eigentum. Um die Wende zum 20. Jahrhundert übernahmen die Freiherren von Wamboldt das Hofgut, das schließlich 1927 an die evangelische Pflege Schönau verkauft wurde. In deren Besitz ist die Hofanlage noch heute.

Ehemalige Burg Wersau / Schloßmühle

Auf dem Gelände der Wasserburg stand mindestens seit dem 17. Jahrhundert eine Mühle. Der heutige Baubestand ist im wesentlichen vom 1911. Die Betriebseinstellung war 1959. Das Hauptgebäude wird von einer Großhandelsfirma genutzt. Das Maschinenhaus mit Schornstein ist noch erhalten.

Die Existenz der Burg Wersau ist seit 1155 belegt, sie dürfte jedoch um einiges älter und ehemaliger Königsbesitz sein. Genauere Aussagen zur Frühgeschichte der Burg lassen allerdings nur die archäologischen Zeugnisse erwarten. Die Burg wurde 1622 und 1689 zerstört und damals als Steinbruch genutzt.

Die Mühle bei der Burg ist von 1596 an belegt, bestand wohl aber schon länger. Die Reste der Mühle und der Burg sind als wertvolle Geschichtszeugnisse zu werten. Sie bilden zusammen mit der heutigen sg. Schoßmühle ein Denkmal, dessen Erhaltung aus wissenschaftlichen und heimatgeschichtlichen Gründen im öffentlichem Interesse steht.

Heutige Funde und Befunde

Archäologische Grabungen wurden bisher bei der Burg nicht durchgeführt. Angeregt von Luftbildern fanden aber intensive Feldbegehungen statt, die auf den Feldern zwischen Burg und Schafhof mittlerweile viele Tausend Keramikscherben erbrachten. Dass keine Funde vor das 13. Jahrhundert datieren, obwohl die Burg ja vermutlich viel älter ist, darf nicht verwundern, da das Material ja nicht direkt aus der Burg, sondern aus einiger Entfernung stammt.

Des weiteren sind große Mengen an Hohlziegeln und ursprünglich aus dem Hunsrück oder Rheinischen Schiefergebirge stammender Dachschiefer zu nennen. Gerade dieser Dachschiefer ist in unserem Raum bei mittelalterlichen Zusammenhängen eher selten anzutreffen, wie auch die Ziegelmauerung der Burg Wersau. Schließlich sind noch diverse Funde von Schalen der Gemeinen Flußmuschel (Unio crassus) zu erwähnen.

Bei Baumaßnahmen im Westteil der Burg zeigten einen Einblick. Aufgeschlossen waren dort anmoorige Schichten, in die ein Pfahlrost aus Weichhölzern eingetrieben worden war, auf dem eine Mauer gegründet wurde. Auch eine zweite Mauer ohne Pfahlrost war angeschnitten worden. Es traten zwei fundreichere Schichten auf. Die untere, ein fetter Lehm, führte Keramik des späteren 13. Jahrhundert mit Resten von Kochtöpfen, Becherkacheln, Hohlziegeln, einem Signalhorn und einzelnen, gelbtonigen Backsteinen. Darüber lag eine Schurrschicht mit vielen Hohlziegeln, Dachschiefer, Becherkacheln, Viereckkacheln, glasierten Ofenkacheln, roten Backsteinen und Keramik aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhundert Das Fundspektrum der Keramik ist dem der Aufsammlungen auf den Feldern sehr ähnlich. Da der Anteil von glasierter Keramik – abgesehen von Bruchstücken der Ofenkacheln – deutlich unter 1 % liegt, kommt eine Datierung 1504 oder sogar 1525 nicht in Frage.

Mit zahlreichen Bruchstücken vor allem mit importierten Gefäßen aus „getauchter Dieburger Ware“, Protosteinzeug und echtem Steinzeug sind Funde präsent, die – wie auch Funde von Signalhörnern – nicht zum Repertoire einfacher ländlicher Siedlungen des Spätmittelalters gehören, sondern in der Regel auf Burgen vorkommen. Verstärkt wird der Eindruck vom gehobenen Lebensniveau der einstigen Nutzer noch durch die Funde von glasierten (und reliefierten) Ofenkacheln (darunter einem sehr frühen Stück), die einst Repräsentationsobjekte vermögender Bürger, Kleriker und Adeliger darstellten.

Die Funde machen deutlich, dass schon früher an der Burg mit Backsteinen gebaut worden sein muss. Die Luftbilder zeigen zwischen der Burg und dem nordöstlich gelegenen Schafhof eine Fülle von verschiedenen Strukturen. Am auffälligsten sind zwei halbkreisförmige, dunkle Verfärbungen im Abstand von ca. 30 m: Sie umschließen den Ostteil der Burg. Es könnte sich um Verteidigungsgräben handeln, die später mit Oberböden verfüllt wurden und deshalb als positive Bewuchsanomalie heute hervorstechen.
Ein weiteres Bündel von Gräben zieht sich in nordöstlicher Richtung vom Schafhof zur Burg. Deren parallele, z.T. auch fächerförmige Anordnung spricht gegen Wehrgräben; hier ist eher an verschieden alte Wegführungen zu denken. Südlich und nördlich des Schafhofs verlaufen unterschiedlich breite Verfärbungen, die z.T. alte Wege sein mögen; die breiteren dürften alte Bette des Kehrgrabens sein. Letztendlich fallen runde, wenige Meter durchmessende Strukturen auf, bei denen es sich entweder um Gruben oder aber um alte Baumstümpfe handeln kann.

Teil 6: Die Schenken von Wersau

Die Schenken von Wersau waren ein Niederadelsgeschlecht Speyerischer Dienstmannen, die sich ab der ersten Hälfte des 13. Jh. nach Wersau benannten. Auf die Herkunft des Namens Wersau sind wir bereits in Teil 2 unserer Reihe über die Burg Wersau eingegangen. Möglich ist, dass die Ministerialen von Wersau ursprünglich aus der Reichsministerialität hervorgegangen sind, zumal sie enge Verbindungen zu dem hohen Reichsministerialen Marquard von Annweiler besaßen.

Aus den bisher vorliegenden Urkunden lassen sich 7 männliche Angehörige der Schenken von Wersau erschließen. Die ersten drei (Dieter I. 1153-1166; Dieter II. 1186-1197? und Eberhard I. 1198-1220) nennen sich noch nicht nach Wersau, sondern zwei Mal nach Hockenheim. Dass damit ein anderer Sitz gemeint ist, dürfte unwahrscheinlich sein; wohl wurde das Gebiet um Wersau damals zu Hockenheim gezählt. Erst Eberhard II. (1237-1241), Dieter III. (1238-1253), Werner (1238-1257) und Eberhard III. (1284-1290) weisen die Herkunftsbezeichnung Wersau auf. Engere verwandtschaftliche Beziehungen bestehen zwischen den Herren von Wersau und dem hohen Reichsministerialen Marquard von Annweiler, der als erster Ministerialer an der Wende vom 12. zum 13. Jh. ein hohes Reichsamt verliehen bekam, nämlich den Markgrafentitel von Ancona. Im Jahr 1236 ist einer der Herren von Wersau (wohl Eberhard II.) zusammen mit dem Speyerer Bischof Konrad von Dahn Vormund der Söhne des verstorbenen Truchsess Dietrich von (Rhein-)Hausen, d. h. der Urenkel des Marquard von Annweiler. Schon im Jahr 1204 hatte Schenk Eberhard I. bei einer Bestimmung über Güter des Marquard von Annweiler gezeugt. Aus einem Ministerialentausch zwischen Speyer und Straßburg im Jahr 1238 geht hervor; dass die Mutter der Brüder Eberhard und Theodor (Dieter) von Wersau aus der Straßburger Ministerialität gestammt hatte; es handelt sich wohl um die Gattin des Eberhard I.

Höchst interessant sind die Beziehungen der Herren von Wersau mit den Herren von Hirschberg, die teilweise wiederum auf die Verwandtschaft mit Marquard von Annweiler hinweisen. Aus Urkunden der Jahre 1284 und 1286 geht hervor, daß Eberhard 111. der Schwiegersohn des Heinrich von Hirschberg war und beide von Pfalzgraf Ludwig arrestiert worden waren. Nach SCHAAB16 wiederum gibt es deutliche Anzeichen, daß die Herren von Hirschberg in einem sehr engen Verwandtschaftsverhältnis zu Marquard von Annweiler gestanden haben.

In den Jahren 1286 verkaufte Eberhard III., der letzte namentlich genannte Vertreter des Geschlechts, zusammen mit seinem Schwiegervater Heinrich von Hirschberg die ihm verbliebene Hälfte der Stammburg Wersau an den Speyerer Bischof und vier Jahre später auch Güter in Oftersheim an den Pfalzgrafen. Schon früher muss die andere Hälfte an die Herren von Krobsberg bzw. von Erligheim gelangt sein. So scheinen in der letzten Generation – wahrscheinlich wegen der Differenzen mit den Pfalzgrafen – finanzielle Engpässe eingetreten zu sein.

Zusammenfassend ist über die Herren von Wersau also zu sagen, dass sie mit höchsten Ministerialengeschlechtern eng verwandt waren. Ob sie ursprünglich aus den Reichsministerialen stammten und auch damals schon zu Wersau saßen, ist nicht zu klären. Fast 150 Jahre lang hatten sie das Schenkenamt in der Speyerischen Ministerialität inne. Daraus ist zu folgern, dass die Burg Wersau spätestens schon in der 2. Hälfte des 12. Jh. bestand und auch eine entsprechende Ausstattung besaß.
Ludwig Hildebrandt

Glossar: Schenk
Ein Schenk, abgeleitet von Mundschenk, war ursprünglich ein germanisches Hofamt und unter anderem mit der Aufsicht über die höfischen Weinkeller und Weinberge verbunden. Seit dem Ende des Mittelalters war dieses Erbamt allerdings mit keiner Funktion verbunden.